Wir freuen uns sehr im Folgenden ein Flugblatt des Rot Front Kollektivs (Österreich) anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen 2019 zu veröffentlichen.

 

25. November: Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen 2019:

Voran im Kampf gegen Gewalt an Frauen: Nieder mit Patriarchat und Kapital!

„Feministin“ oder „Feminist“ zu sein, ist heute in breiten Teilen der Gesellschaft zur Mode geworden und nicht wenige Vertreter der Herrschenden bedienen sich dessen um sich selbst in ein gutes Licht zu stellen. Gleichzeitig zeigt die Realität der Mehrheit der Frauen in Österreich, dass trotz dieser „Modeerscheinung“ die tatsächliche Politik die gemacht wird, die Lage der Frauen immer weiter verschlechtert und Gewalt gegen Frauen mehr und nicht weniger wird.

Nicht zuletzt der Anstieg an grausamen Frauenmorden hat Gewalt gegen Frauen wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Angesichts der Realität bricht die Lüge von der Abwesenheit des Patriarchats im „zivilisierten, christlichen Abendland“ wie ein Kartenhaus zusammen. Auch in den konservativsten Kreisen wird plötzlich das Patriarchat „verurteilt“ und neue Erklärungsversuche, wie beispielsweise dass das Patriarchat ein „Importprodukt aus dem Ausland“ oder ein Produkt der „Aggressivität einzelner Männer“ wäre, werden zur Besänftigung der Massen aus dem Boden gestampft. Aus Angst, dass dabei auch andere groß geschriebene „westliche Werte“ als Luftschlösser enttarnt werden könnten versuchen sich die Herrschenden aus der Schusslinie zu ziehen indem sie sich selbst als „Gegner“ der Frauenunterdrückung inszinieren. Heuchlerisches Mitleid und die Forderung nach „härteren Gesetzen gegen Täter“ werden dabei als „Lösungen“ präsentiert. Abgesehen davon, dass auch mit den derzeitigen Gesetzen beispielsweise nicht einmal 1% (!) der Vergewaltiger verurteilt werden, sollen diese „großen Worte“ vor allem davon ablenken, dass Gewalt gegen Frauen einerseits individuell schreckliche Schicksale hervorbringt, andererseits jedoch keineswegs ein „privates Problem“ ist.

Die Kommunistin Eleanor Marx-Aveling machte schon im Jahr 1886 darauf aufmerksam, dass es nicht genügt nur auf einzelne Schicksale (so tragisch diese auch sind) zu schauen, denn dadurch wird die Wurzel der Unterdrückung der Frauen nicht „automatisch“ ersichtlich: „diejenigen, die sich gegen die gegenwärtige Behandlung der Frauen wenden, ohne den Grund dafür in der Ökonomie unserer Gesellschaft zu suchen, sind wie Ärzte, die eine lokale Erkrankung ohne Beachtung der allgemeinen körperlichen Beschaffenheit behandeln.“1 Die Ökonomie, das ist die Grundlage der Gesellschaft in der wir leben, heute des Kapitalismus/Imperialismus. Darin nehmen die Frauen eine doppelt unterdrückte Stellung ein, da der Großteil der Hausarbeit, Pflege und Kindererziehung im privaten Haushalt auf ihren Schultern lastet. Gleichzeitig sind die Frauen für das Kapital Zusatzarbeitskräfte, welche leicht auswechselbar sind und meist nur so wenig verdienen, dass sie eben auch nur einen „Zusatzlohn“ in die Familie einbringen können. Dass auf dieser ökonomischen Basis auch die Stellung der Frau in der Familie festgeschrieben ist, in der die Frau der Willkürlichkeit des Mannes ausgeliefert ist, ist dabei nur „folgerichtig“. Und obwohl diese wichtige Feststellung schon vor knapp 150 Jahren gemacht wurde, wird bis heute von Seiten der Herrschenden versucht diese Tatsache zu verwischen und zu verleugnen. Auch „neuere“ Theorien wie der „Queer-Feminismus“, „LGBTQI“ oder die „Identitätspolitik“, dienen zur Verwirrung, denn trotz ihrer unterschiedlichen „Zugänge“ haben sie gemeinsam, dass das Patriarchat losgelöst von der herrschenden Gesellschaftsordnung, die auf Unterdrückung und Ausbeutung – also auf Klassentrennung - basiert, betrachtet wird.

Besonders mit der weltweiten Finanzkrise 2008, infolge derer sich die wirtschaftliche und politische Krise des Kapitalismus vertiefte, haben auch die Herrschenden in Österreich einen aggressiveren Kurs zur stärkeren Ausbeutung und Unterdrückung der breiten Massen eingeschlagen. Privatisierung, Sozialabbau, Kürzungen, Einsparungen im Bildungs- und Gesundheitswesen, Teuerungen oder Arbeitszeitverlängerung sind Teil eines reaktionären Programms das von verschiedenen Regierungen im letzten Jahrzehnt durchgeboxt wurde. Die „beste aller Welten“ wie sie noch in den 90er Jahren präsentiert wurde, entpuppt sich zunehmend als ein Koloss auf tönernen Füßen, als ein unerträglicher Parasit auf dem Rücken der Massen. Die Frauen sind von diesen Angriffen doppelt betroffen, denn die Folge ist nicht nur eine zunehmende Unvereinbarkeit von Beruf und Familie und größere Armut von Frauen mit Kindern, sondern auch eine verstärkte Abhängigkeit vom Mann. Während für die einen die Arbeit immer mehr wird und nun mit dem 12-Stunden Tag und der 60 Stunden Woche ein neuer Höhepunkt gegen die Rechte der Arbeiter/innen erreicht wurde, wird die Mehrheit der Frauen dazu gezwungen, schlecht bezahlte Teilzeit- oder Geringfügigkeitsjobs anzunehmen. Die Tendenz der Zurückdrängung der Frauen in die „eigenen vier Wände“ ist damit nicht erstrangig ein Produkt eines „konservativen Trends“ unter den Frauen, sondern vor allem Ausdruck der sich vertiefenden Krise des Kapitals und damit einer Verschärfung des Patriarchats. Wenn sich nun die Herrschenden, die Politiker und „Experten“ schockiert zeigen angesichts der steigenden Gewalt gegen Frauen in der Familie, dann ist das nichts als Heuchelei, denn es ist die herrschende Politik, die der größte Motor für steigende Gewalt gegen Frauen ist, viel härter und bestimmender als es ein einzelner Mann je sein könnte. So zu tun als wäre das Patriarchat also ein „Kampf zwischen den Geschlechtern“ lenkt nicht nur vom eigentlichen Gegner ab, sondern tut so, als wären einzig diejenigen Frauen vom Patriarchat unterdrückt die auch tatsächlich „Schläge abbekommen“. Natürlich muss es ein wichtiger Bestandteil im Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen sein für ausreichend Schutzmöglichkeiten für Frauen zu kämpfen und sich gegen jede weitere Einsparung bei Frauenhäusern und Opferschutzeinrichtungen zur Wehr zu setzen. Doch dabei darf nicht vergessen werden, dass ein Frauenhaus in vielen Fällen zwar Leben retten kann, doch gegen das Patriarchat als Herrschaftsinstrument kann es nichts ausrichten (und das ist auch nicht sein Zweck). Das Patriarchat kann nur durch die Umwälzung der Ökonomie, also der Klassengesellschaft, beseitigt werden. Eleanor Marx-Aveling schlussfolgert dazu in ihrer marxistischen Analyse folgendes: „Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass eine endgültige Änderung dieser Zustände, nur erreicht werden kann, wenn es zu einer sozialen Umwälzung kommt. Ohne diese gewaltigere soziale Umwälzung werden die Frauen niemals frei sein.“2 Der Kampf gegen das Patriarchat ist also Teil des Kampfes um die politische Macht der Arbeiter/innenklasse und muss deshalb schon heute fest auf die Revolution ausgerichtet sein!

Dass diese Orientierung nichts „exotisches“ ist oder „längst der Vergangenheit angehört“ wird deutlich wenn man den Blick heute nur etwas aus der (pseudo-)liberalen Blase hinaus richtet. Besonders in den unterdrückten Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ist der Kampf der Frauen schon heute wesentlicher Bestandteil gegen die kapitalistische/imperialistische Ordnung. Dass die Herrschenden in Österreich und nicht wenige Teile der Frauenbewegung selbst dabei gerade die Kämpferinnen der YPJ3 in Nordsyrien als „Prototyp“ der heldenhaften und kämpfenden Frauen International darstellen, ergibt sich keineswegs „logisch“ oder „von selbst“, denn gerade dort werden die Frauen nicht als Teil der Revolution verstanden, sondern die sogenannte „Frauenbefreiung“ sollte durch die Trennung der Geschlechter umgesetzt werden, ganz ohne „Bruch“ mit der herrschenden Ordnung – und noch dazu unter der „Schutzherrschaft“ der USA.

Alle Bemühungen werden schlussendlich ins Leere laufen, wenn die Unterdrückung der Frauen losgelöst von der Revolution, losgelöst vom Klassenkampf betrachtet wird. Solch ein „Feminismus“ wird schlussendlich auch keinen größeren Einfluss auf die Mehrheit der Frauen entwickeln können und losgelöst von den tatsächlichen Bedürfnissen und Bestrebungen der Frauen bleiben. Genauso wie es also keine Ärzte braucht die sich mit oberflächlichen Erscheinungen begnügen, braucht es auch keine „Feministen“ die nichts von Ökonomie und Klassenkampf wissen wollen! Das kann heute für alle kämpferischen und revolutionären Kräfte der Frauenbewegung nur den starken Auftrag geben, ihre Politik vor allem an die Frauen aus der Arbeiter/innenklasse (also der Mehrheit der Frauen!), jenen die am meisten unterdrückt und ausgebeutet werden, zu richten um mit diesen gemeinsam den Kampf gegen das Kapital und Patriarchat zu entwickeln. Besonders muss dabei berücksichtigt werden, dass der Einfluss der bürgerlichen Ideologie auf die Massen der Frauen tiefe Spuren hinterlassen hat und nicht nur eine stärker werdende Tendenz des Konservativismus und Liberalismus zeigt, sondern sich viele Frauen wieder in eine „unpolitische“ Haltung zurückziehen. Diese Tendenz muss vor allem als Lehre dafür verstanden werden, dass eine Verstärkung der Unterdrückung der Frauen nicht „automatisch“ zu stärkerem Widerstand oder Kampf führt, sondern es darauf ankommt, dass den Unterdrückten und Ausgebeuteten Orientierung und Perspektive auf Basis der tatsächlichen Verhältnisse geben können. Eine Frauenbewegung die nicht losgelöst von den realen Verhältnissen und den Kräften im Klassenkampf ist, kann nur eine klassenbewusste Frauenbewegung. Die fortschrittlichen Frauen haben dabei die Aufgabe auf Grundlage des Proletarischen Feminismus die Frauenbewegung auf wissenschaftliche Füße zu stellen und so die feste Orientierung auf die Revolution in die Massen der Frauen hineinzutragen! Clara Zetkin, eine der wichtigsten VertreterInnen der weltweiten klassenbewussten Frauenbewegung, brachte diese Aufgabe hervorragend auf den Punkt: „Wir haben nicht spezielle Frauenagitation, sondern sozialistische Agitation unter den Frauen zu treiben.“4 Die proletarische Wissenschaft hat im Zentrum ihrer Lehre festgestellt, dass eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht spontan vor sich gehen kann, und deshalb der Kampf gegen das Patriarchat Planmäßigkeit und Wissenschaftlichkeit, also Organisiertheit, erfordert. Mit dem Proletarischen Feminismus, als wesentlichen Bestandteil des proletarischen Ideologie, hat sie ein mächtiges Werkzeug im Kampf gegen das Patriarchat geschaffen. Der Rolle der Frauen, als Hälfte der Bevölkerung, im Klassenkampf wird dabei nicht nur eine besondere Bedeutung beigemessen, sondern es wird sogar der Erfolg der Revolution und damit des Sozialismus an der Beteiligung der Frauen festgemacht. Damit wird deutlich, dass der Kampf gegen das Patriarchat und auch der Kampf gegen Gewalt gegen Frauen keine Nebensache sein kann und alle Tendenzen welche die „Frauenfrage“ auf ein „Problem der Frauen“ oder gar nur eine „schlechte Verhaltensweise“ reduzieren wollen beseitigt werden müssen.

Um die Aufgabe den „Sozialismus in die Frauenmassen zu tragen“, meistern zu können, braucht es ein Programm für die nächsten Ziele und Aufgaben der Frauenbewegung. Ein Programm um das sich die Frauen sammeln können und das sie in einer Organisation vereint, ist der entscheidende Hebel um mit Passivität und Spontanismus zu brechen und den Kampf der Frauen auf ein bewusstes Niveau zu heben. Dabei muss auch die Aufgabe des Kampfes gegen rassistische und chauvinistische Spaltungsversuche innerhalb der Frauenbewegung einen wichtigen Platz einnehmen. Die besondere Unterdrückung der muslimischen Frauen durch den Antimuslimischen Rassismus ist heute ein Werkzeug zur Zersplitterung der Frauenbewegung und versucht die Internationalismus als wichtigen Teil der Frauenbewegung zu verdrängen. Das ist eine nicht zu unterschätzende Tendenz die von den Herrschenden vorangetrieben wird, und die dementsprechende Aufmerksamkeit von allen fortschrittlichen und roten Frauen erfordert.

Entgegen der Schwarzmalerei und des Chauvinismus muss heute vor allem die feste Orientierung auf die Revolution, die heute im Weltmaßstab die Haupttendenz ist, aufgerichtet werden. Innerhalb der Frauenbewegung dienen dabei die internationalen Kämpfe der Frauen als wichtiger Leitstern und Orientierungspunkt. Die Revolution entwickelt sich im Weltmaßstab ungleichmäßig und deshalb sollen vor allem diejenigen Kämpfe der Frauen die schon weiter entwickelt sind als Quelle der Inspiration und des Handelns für alle fortschrittlichen Frauen in Österreich dienen. Besondere Lehren erteilen dabei all jene Frauen die sich heute in den Volkskriegen in Indien, Peru, der Türkei und auf den Philippinen zu hunderttausenden unter der Führung von Kommunistischen Parteien zu bewussten KämpferInnen gegen den Imperialismus und gegen das Patriarchat geschmiedet haben. Diese hervorragenden Beispiele werden unter den Massen der Frauen ein Band des Internationalismus spannen und das Bewusstsein dafür schärfen, dass das Vertrauen auf die eigene Kraft eine scharfe Waffe im Kampf gegen Passivität und Stellvertreterdenken ist.

Kämpferische Frauen: Schließt am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen die Reihen fest mit den unterdrückten Frauen! Zeigt am 25. November dass Gewalt gegen Frauen keine „Nebensache“ ist, gegen die wir „nichts tun können“! Macht den 25. November zu einem Symbol des Kampfes der Frauen gegen Unterdrückung und Ausbeutung!

Im Dienst der Revolution: Nieder mit Patriarchat und Kapital!

 

Rot Front Kollektiv,
November 2019

 

(1)Eleanor Marx-Aveling und Eduard Aveling:  Die Frauenfrage (1886)

(2)Ebd.

(3)kurdische Frauenverteidigungseinheiten  in Nordsyrien

(4)Clara Zetkin: Nur mit der proletarischen  Frau wird der Sozialismus siegen!, 1896