„Mit dem größten Interesse und unausgesetzter Aufmerksamkeit las ich John Reeds Buch »10 Tage, die die Welt erschütterten«, [...] es gibt eine wahrheitsgetreue und äußerst lebendige Darstellung der Ereignisse, die fürs das Verständnis der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats von größter Bedeutung sind.“

So urteilte Lenin über John Reeds Augenzeugenbericht der proletarischen Oktoberrevolution. Reed war ein US-amerikanischer Kommunist und Journalist und äußerte sich bewusst parteiisch für die Revolution, ohne seinen Lesern auch kontroverses Quellenmaterial vorzuenthalten. Anders als viele Mitglieder seiner Zunft hatte er früh erkannt, dass jeder Journalist auf die eine oder andere Weise parteiisch schreibt, oder mit Maos Worten: „[…] es gibt keine Ideen, die nicht den Stempel einer Klasse trügen.“ So machte er sich es zur Aufgabe, seiner Leserschaft aus den Weltregionen zu berichten, in denen sich der Klassenkampf gerade am stärksten zuspitzte. 1917 war das Petrograd (St. Petersburg). Dabei beschränkt sich Reed auf 10 revolutionären Tage, die den 7. November europäischer Zeitrechnung umgaben. Er versucht die Positionen der politisch relevanten Kräfte und ihren Einfluss auf die Massen der Arbeiter, Bauern und Soldaten genau abzubilden. Dabei entlarvt immer wieder die Politik der Sozialpatrioten und anderer „Kompromissler“, die die Revolution nach dem Februar verraten und die Bolschewiki mit schwersten Repressionen überzogen hatten. Für die vereinigten Opportunisten war Marxismus auch damals schon Sektierertum:

„Der Aufstieg der Bolschewiki war ungeheuer. Von der verachteten und gehetzten Sekte noch vor kaum vier Monaten bis zu ihrer jetzigen Stellung als Führer des großen, in vollem Aufstand begriffenen Russland.“

Reed gelingt, das Klima der Revolution einzufangen: Diese Novembertage sind chaotisch, fiebrig, ungewiss und vor allem von der Dynamik der Massen getragen. Eben kein Deckchensticken, wie es Mao später zuspitzte. Immer wieder betont er, dass der Schlüssel des Sieges in der antirevisionistischen Linie der Bolschewiki, aber auch in ihrer Bereitschaft diese kühn durchzusetzen, lag. Indem das politische Programm der Bolschewiki stets die fortschrittlichen Forderungen der Massen abbildete, konnten sie die sozialistische Revolution gegen die hartnäckigen Widerstände der Reaktionäre behaupten:

„Die einzige Erklärung des bolschewistischen Erfolges liegt in der Tatsache, dass sie die Wünsche der allertiefsten Schicht des Volkes erfüllten, indem sie aufriefen, das Alte niederzureißen und zu zerstören, und dass sie dann gemeinsam mit ihnen inmitten der noch rauchenden Ruinen an der Aufrichtung der neuen Ordnung arbeiteten.“

Wer in einem Meer von bürgerlichen Lügen und Halbwahrheiten die Wahrheit über die Oktoberrevolution herausfinden will, der kommt um Reeds Buch nicht herum. Und auch für historisch bewanderte Leser ist das Werk aufgrund detaillierter Insiderbetrachtungen ein Gewinn. Ein Lesegenuss auf knapp 250 Seiten.